Kommentarwille und Dialogbereitschaft


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Pauline Graf schreibt | 5.12.2016

Von Fehlern lernen und was es für mich bedeutet Kinder zu haben - Kapitel 1


Beide meiner Kinder liegen im Bett. Ich nutze die Zeit, die ich für mich habe und versuche mich im Schreiben. Schon zu lange habe ich es vor. Der Hekto-Blog des Colearning Wien hat mich angespornt es endlich selber zu machen. Ganz im Sinne von „Tun“.

Immer wieder bin ich in die gleiche Falle getreten, und es hat mich derartig fertig gemacht, dass ich geglaubt habe mir nie und nimmer verzeihen zu können. Ich möchte berichten welche Erfahrungen ich mit meinen zwei Kindern gemacht habe und was sich in mir verändert hat. Welchen Weg ich gegangen bin. Ich will mich öffnen und mich der Welt mitteilen. Unter anderem weil ich hoffe, damit ein Tabuthema zu treffen.

Ich versuche gerade eine Struktur in mein Schreiben zu bringen, und merke, dass mich das blockiert. Einen roten Faden, denn ich habe nur eine leise Idee von was ich schreiben mag und höre sie noch nicht laut genug, dass die Worte nur so aus mir raussprudeln. Ich tendiere dazu, dass ich mich in meinem Gedankenkonstrukt verliere und das Ende des Geschriebenen nichts mehr mit dem Anfang zu tun hat.

„Ich genüge“ hängt auf meinem Bildschirm. Es erinnert mich, dass ich genüge und ich keinen anderen Anspruch erfüllen muss. Vor allem, dass ich es niemandem außer mir recht machen muss. Nicht einmal meinen mir liebsten Menschen. Das habe ich vor kurzem erst gelernt. Unter anderem durch die Bücher „Kinder der Morgenröte“, „Leitwölfe sein“, Marshall B. Rosenbergs „Gewaltfreie Kommunikation“ und einem für mich sehr emotionalen Wir-Treffen im Colearning Space (CLS).

Ich möchte mit dem Wir-Treffen anfangen und davon erzählen. Vor etwa einem Monat ging ich mit meinem Sohn mit in den CLS. Am Morgen findet der Morgenkreis statt, in dem alle wichtigen Ankündigen gemacht werden. Mein Sohn ist ein aufgeweckter Bub, der sich gerne mitteilt und so auch diesen Morgen, nur war es kein günstiger Zeitpunkt, denn wer anderer sprach gerade. Er wurde mit einem sehr harschen Ton zurechtgewiesen. Es war nicht unbedingt der harsche Ton der mich traurig gemacht hat, sondern eher die Energie, die dahinter steckte. Ich war so perplex, dass ich nur mehr weinen konnte. Alle meine Fehler sah ich in dieser Energie. Und wieso ist es überhaupt notwendig auf einen Menschen derartig negativ zu reagieren? Nun hatte ich die Möglichkeit am Nachmittag im Wir-Treffen genau diese Traurigkeit anzusprechen. Ich erzählte von meinen Träumen, dass die Menschheit in Zukunft gewaltfrei kommuniziert, dass es keine Schuldzuweisungen mehr gibt und davon, wie ich früher mit meinem Sohn umgegangen bin. Dass ich mir das nicht verzeihen kann und dass ich lernen mag wie ich mit jungen und alten Menschen kommunizieren kann, ohne, dass sich jemand angegriffen fühlt.
Mit einem eher flauen Gefühl hab ich das Treffen verlassen, dennoch hat sich etwas in mir bewegt.
Zwei oder drei Tage später, gab es eine kurze Auseinandersetzung mit meinem Sohn, ich weiß nicht mehr genau um was es ging. Wir wollten uns nicht gegenseitig zuhören und eine Aussage meines Sohnes hat schnelle Wut in mir hochkommen lassen, dass ich meine Hand ausfuhr und ihn am Kinn gepackt habe. So schnell wie ich sie ausgefahren habe, zog ich sie wieder zurück und ging in ein anderes Zimmer. „Ich will diesen Fehler nicht wieder machen“. Ich habe mir ein Stück Papier genommen und aufgeschrieben was mich eben so wütend gemacht hat. Ich habe versucht mir klar zu werden, was meine Bedürfnisse waren und welche Bedürfnisse mein Sohn hatte. Nachdem mein Sohn wieder gesprächsbereit war, habe ich ihm meine Bedürfnisse erklärt und gefragt ob ich seine richtig verstanden habe. Es war ein kurzes Gespräch und nachdem wir alles geklärt haben, fühlte ich mich ihm danach so nah. Zum ersten Mal war ich all meinen Fehlern, die ich bis dahin gemacht habe dankbar und konnte mich sogar freuen, denn ohne sie wäre ich nicht so weit gekommen.

Ich konnte bei dem Wir-Treffen zum ersten Mal alles rauslassen und es wurde auch so angenommen wie ich es losgelassen habe. Es wurde nicht versucht mir einzureden, dass eh alles passe und dass es eh nicht so schlimm sei. Dass es nämlich eh nicht so schlimm ist, musste ich selbst erfahren, es musste mir erst selbst bewusst werden.


empfehlenswerte Bücher und Seiten

  • Hekto-Blog
  • Hubertus von Schoenebeck "Kinder der Morgenröte - ... unterstützen statt erziehen ...", 2004
  • Jesper Juul "Leitwölfe sein", Beltz, 2016
  • Marshall B. Rosenberg, "Kinder einfühlend ins Leben begleiten", Junfermann Verlag, 2007
    Gewaltfreie Kommunikation

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Pauline Graf schreibt | 12.12.2016

Was es für mich bedeutet Kinder zu haben und mein inneres Kind kennenlernen - Kapitel 2


Seit ein paar Tagen lege ich meine 10 Monate alte Tochter von Musik begleitet nieder. Ich versuche immer den gleichen Ablauf zu haben, so dass sie weiß was als nächstes kommt. Abendessen, Gute Nacht Sagen, Zähneputzen, Lulu machen, Musik aufdrehen, Pyjama anziehen, stillen, Licht abdrehen, ohne weiters Stillen ins Bett, einschlafen. So der Plan. Die ersten Tage hat es gut funktioniert, auch dass wenn es dunkel ist, sie die Brust nicht mehr bekommt. Heute war sie schon sehr müde, wie ich mit unserem Ritual angefangen habe. Sie ist während dem Stillen in den Halbschlaf gefallen. Beim ins Bettgehen und Licht abdrehen habe ich sie aufgeweckt. Da es die letzten Tage immer mit der Dunkelheit geklappt hat, dachte ich wenn ich sie so zu mir lege wie sonst auch, dass sie wieder einschlafen wird. Nun, es hat nicht geklappt. Sie hat heftig zum Weinen angefangen und sich nicht beruhigen lassen. Nur kurze Zeit etwas Wasser, kein Schaukel, Mitsingen und dergleichen.
Ich dachte mir, wenn ich ihr jetzt die Brust gebe, wird sie durcheinander kommen und das nächste Mal, wenn sie keine Brust bekommt, wieder frustriert sein. Ich hab gemerkt, wie ich grantig auf mich wurde, weil ich sie schon wieder aufgeweckt habe. Ihr Weinen hat mich gestresst, tausend nicht wirklich hilfreiche Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ich habe mir die Ohren zugehalten.

Eine Freundin gab mir vor kurzen den Tipp, dass mein inneres Kind nicht mehr bei jeder stressigen Situation dabei sein muss. Ich kann ihm sagen „Mache die Ohren zu, geh' in mein Herz, verstecke dich hinter mir. Ich bin da für dich, ich kann das klären.“
Das habe ich gemacht. Und nach ein paar Sekunden habe ich genau gewusst was ich zu tun habe. Ich habe das Licht wieder aufgedreht, die Musik eingeschalten, meine Tochter weitergestillt. Sie ist friedlich eingeschlafen, ganz tief und fest sogar ohne Brust. Ohne Weinen, ohne Widerstand.
Ich habe fast lachen müssen. Mein Kind in mir hat sich sehr wohl gefühlt, genauso wie das Kind in meinen Armen.

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Pauline Graf schreibt | 18.12.2016

Was es für mich bedeutet Kinder zu haben und mein Umgang mit Wut - Kapitel 3


Ende August 2015 habe ich begonnen ein Wuttagebuch zu schreiben. Mir ist sehr oft der Kragen geplatzt, teilweise wegen derartig lächerlichen Sachen. Ich habe meine Macht körperlich und seelisch meinem Sohn gegenüber demonstriert. Als er noch klein war habe ich ihn einfach geschnappt und wo anderes hingeschleppt. Als er mir zu schwer wurde habe ich ihn manchmal auf den Boden gedrückt, mich auf ihn drauf gesetzt oder ihn von mir weggeschupst. Er hatte auch mal Abdrücke auf seinen Oberarmen, weil ich ihn so fest gepackt habe.
Ich war jedes Mal nach solch einer Eskalation sehr deprimiert und machte mir enorme Vorwürfe. In meiner Familie gelte ich als „Geduldsengel“. Ich bringe überdurchschnittlich viel Geduld auf, was mir die meiste Zeit zu Gute kommt, nur ihm Umgang mit meinem Sohn und im weiteren Sinn auch mit meinen Mitmenschen, ziehe ich dadurch oft den Kürzeren. Diese Engelsgeduld brachte mich dazu meine eigene Grenze zu übersehen. Das machte mir nur eine Stunde mit einem A.K.T.-Trainer bewusst. Weiters kam hinzu, dass ich es nicht geschafft habe, mich klar auszudrücken. Mir klar zu sein, was ich will.
Das Wuttagebuch hat mir veranschaulicht, welche Situationen sich wiederholten. Ich las die Ereignisse immer wieder und schrieb sie auch teilweise ausführlicher nieder. Ich wollte einen Weg finden wie ich aus meinen Teufelskreislauf herausfinden kann. In der Theorie war mir viel bewusst, nur tat ich mir schwer sie auch umzusetzen.

Ich habe für mich herausgefunden, dass es verschiedene Arten von Wut gibt. Die blinde Wut lässt mich vergessen, was ich gelesen, gelernt, geglaubt habe. Ich sehe nur mehr den Fehler einer anderen Person und gehe drauf los. Sei es jetzt körperlich oder verbal, macht für mich in diesem Moment keinen Unterschied. Die konstruktive Wut gibt mir die Chance meine Grenze zu sehen und klipp und klar zu sagen: Das geht mir jetzt zu weit. Ich kann meine Bedürfnisse wahrnehmen und ich kann meine eigenen Fehler sehen und sie gut heißen.
Beide Male schneide ich mit einem haarscharfen Messer. Das erste Mal wird alles kaputt. Das zweite Mal setze ich den Schnitt genau auf meiner Grenze und keinen Millimeter weiter. Ich gehe mit einer ganz anderen Haltung und Energie in die Situation hinein.


empfehlenswerte Bücher und Seiten

  • A.K.T - Affekt Kontroll Training
  • M.MacKay, P.Fanning, K.Paleg "Wenn Eltern die Wut packt", Walter, 1998
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    Pauline Graf schreibt | 22.Dezember 2016

    Was es für mich bedeutet Kinder zu haben und was ich von ihnen lernen kann - Kapitel 4


    Müde, etwas gestresst und hungrig kommen mein Sohn, meine Tochter und ich nach Hause. In zwei Stunden fängt der erste „ohne Windel“-Treff an. Ich muss noch Mittagessen kochen, etwas ausruhen und den Raum für das Treffen will ich auch noch vorbereiten. Im Lift fällt meinem Sohn ein, dass er noch gern zu seinem Onkel gehen mag und drückt, dass er im nächsten Stockwerk aussteigen kann. Ich bin genervt. Er merkt schnell, dass sein Onkel nicht zu Hause ist und will wieder in den Lift einsteigen. Die schon fast geschlossene Tür öffnet sich wieder. Die Sekunden, die das gedauert hat, kommen mir vor wie Minuten. Ich lass meinen Dampf verbal mit Gegrummel und Augendrehen ab. Mein Sohn spricht aus, wie ich mich fühle: „Du wärst jetzt schon gern zu Hause und müde bist du auch. Mein Onkel ist nicht da. Jetzt hat das Lift fahren länger gedauert.“ Mein Dampf löst sich auf. Ich bin nicht mehr gestresst. Ich fühle mich wahrgenommen.

    Ich bin sehr beeindruckt. Ganz natürlich und ernstgemeint hat er es festgestellt. Ich hoffe, dass ich das auch bald kann.

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"Alle Freude, alles Glück, daß wir außen empfinden, ist eine Widerspiegelung unseres wahren inneren Selbst, die dann entsteht, wenn wir in einer Sache völlig aufgehen."

Kirpal Singh